Neuer Agrarsprecher, neue Agrarpolitik?

Wie hat sich die Agrarpolitik in den vorigen Jahrzehnten verändert, Herr Dr. Bullinger?

Bullinger: Heute laufen im Fernsehen Talkshows über Agrarpolitik, in denen kein einziger Landwirt mehr sitzt. Ein guter Agrarpolitiker muss nicht Landwirt sein, aber eines habe ich schon als junger Beamter in der bayerischen Agrarverwaltung gelernt: Nichts ersetzt die Inaugenscheinnahme vor Ort und das Gespräch mit den Praktikern. Wir brauchen wieder mehr Praxisbezug. Ein zweiter Trend, den ich schon als parlamentarischer Berater in den 1980er Jahren beobachten konnte, ist fast paradox: Je mehr die Bevölkerung sich von Landwirtschaft und Landleben entfernt, desto mehr romantisiert sie das ländliche Leben und versucht darüber zu bestimmen. Und drittens: Wir müssen den Respekt vor dem Eigentumsrecht wieder stärken.


Wohin geht die Reise der FDP/DVP-Fraktion nach dem Abschied von Dr. Bullinger, Herr Hoher?

Hoher: Einen großen Umbruch muss niemand befürchten. Auch wenn die Öffentlichkeit vor allem den jeweiligen Fachsprecher wahrnimmt, ist Politik in einer Fraktion doch immer Teamarbeit, hinter der mehrere Abgeordnete und Mitarbeiter stehen. Unsere Themen für die kommenden Monate sind: Risikomanagement, Lieferbeziehungen und die Chancen smarter, digitaler Landwirtschaft. Das wäre mit Fritz Bullinger nicht anders. Und wenn wir in Zukunft seine Erfahrung brauchen, rufen wir ihn an.

Kommt Ihr Abschied mit 65 Jahren nicht etwas früh, Herr Bullinger?

Bullinger: Nein, eine geregelte Übergabe an die kommende Generation ist in der Politik genauso wichtig wie im landwirtschaftlichen Betrieb. Was passiert, wenn man den rechten Zeitpunkt verpasst, lernt gerade die Kanzlerin. Und mein Freund Winfried Kretschmann hat die rechtzeitige Hofübergabe sowieso schon versäumt.

 

Dr. Friedrich Bullinger, gelernter und promovierter Landwirt aus Rot am See im Kreis Schwäbisch Hall, saß von 2006 bis August 2018 für die FDP im Landtag. Von 2004 bis 2006 war er Amtschef des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg. Von 2014 bis zum Wiedereinzug der FDP in den Bundestag 2017 prägte er als Vorsitzender der agrarpolitischen FDP-Sprecher deren Kurs im Bund.

Klaus Hoher, Landwirt und Unternehmer aus Salem-Grasbeuren im Bodenseekreis, ist seit 2016 Mitglied des Landtags und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Nach dem Ausscheiden von Dr. Bullinger erbt er den Vorsitz des agrarpolitischen Arbeitskreises der FDP-Fraktion. Unterstützt wird er von Dr. Bullingers Nachfolger, Stephen Brauer.

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